Und was du dagegen tun kannst. Neulich traf ich drei ehemalige Kolleginnen zum Abendessen. Wir…

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter: So schützt du dich
Wenn ein aktueller Fall plötzlich ganz nah kommt
In meinen Coachings und Gruppenkursen zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung habe ich viele Frauen begleitet, die aus ganz unterschiedlichen Gründen begonnen haben, sich mit dem Thema der eigenen Sicherheit auseinanderzusetzen.
Für die meisten ist es Prävention. Für andere gab es einen konkreten Auslöser: Eine Angestellte im Reisebüro wird über den Tresen hinweg körperlich angegriffen, weil sie einem Kunden erklärt, dass sein Ticket nicht erstattbar ist. Eine junge Pflegerin wird von Patienten unsittlich berührt.
Fast alle Frauen berichten von unangenehmen Erfahrungen – auch wenn sie diese oft selbst als „nicht so schlimm“ einordnen: von Bullying-Episoden bis hin zu verschiedenen Formen von Belästigung am Arbeitsplatz oder im Club, wo sie sich nicht sicher gefühlt haben.
Gewalt hat viele Gesichter. Und oft nistet sie sich dort ein, wo wir sie am wenigsten vermuten – zum Beispiel in Partnerschaften.
Auch wenn keine blauen Flecken sichtbar sind, hinterlässt Gewalt immer Spuren. Manchmal drückt sie sich leiser aus. Subtiler. Digitaler.
Diese Formen sind schwerer zu greifen und genau deshalb bleiben sie oft lange unbenannt. Zweifel, Angst, Verunsicherung und Kontrollverlust werden dennoch zu ständigen Begleitern.
Der Fall rund um Collien Ulmen-Fernandes hat gerade erst hohe Wellen geschlagen. Es geht um Vorwürfe wie Identitätsdiebstahl, digitale Übergriffe und psychische Gewalt im engsten privaten Umfeld. Nicht das, was viele als „klassische Gewalt“ bezeichnen würden – aber deshalb nicht weniger ernst.
Wie erkennst du Gewalt – und was kannst du konkret dagegen tun? Genau darum geht es in diesem Artikel.
Die verschiedenen Gesichter der Gewalt
Körperliche Gewalt
Das ist das, was wir alle erkennen und sofort spüren:
- Schubsen, Festhalten, Schlagen
- Drohungen mit Messer oder Sonsitiges
- Unerwünschte Berührungen
Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse können hier präventiv sehr hilfreich sein. Sie schärfen dein Bewusstsein: Du lernst, worauf du achten solltest und wie du dich im Notfall verhalten kannst.
Prävention beginnt lange vor der Eskalation
Finde dich nicht mit Schlagzeilen ab, in der Hoffnung, dass es dich nie betreffen wird.
So selbstverständlich du zur Vorsorge gehst oder auf dein Äusseres achtest, so selbstverständlich sollte auch dein Eigenschutz sein.
❓Wie sicher fühlst du dich in deinem Alltag – bei der Arbeit, in deiner Freizeit, unterwegs?
❓Und wie reagierst du normalerweise in unangenehmen oder bedrohlichen Situationen?
Mit Übung lernst du, dich selbst besser wahrzunehmen, Warnsignale früher zu erkennen und im entscheidenden Moment klarer zu handeln. Du setzt dich im Alltag besser durch und trittst sicherer auf.
In Selbstverteidigungskursen geht es meist um körperliche Techniken: Wie kann ich mich befreien? Wie kann ich mich wehren? Das ist wichtig – keine Frage.
Selbstschutz beginnt jedoch lange davor. Dort entscheidet sich, wie eine Situation überhaupt verläuft.
Gewalt sucht sich ihren Weg. Übergriffiges Verhalten – ob körperlich, psychisch oder sexualisiert – richtet sich oft an Menschen, die leicht erreichbar wirken: abgelenkt, isoliert, zögernd, gefällig.
Das ist keine Schuld der Betroffenen. Es ist ein Muster. Und genau deshalb musst du es kennen und brechen, bevor es physisch wird.
In unseren Kursen vermitteln wir eines der wichtigsten Prinzipien der Selbstverteidigung: vermeiden zuerst.
Wenn du lernst, Distanzen zu lesen, dein Bauchgefühl ernst zu nehmen, Raum bewusst zu nutzen, dir deiner eigenen Ressourcen bewusst zu werden und vor allem früh zu gehen, brauchst du körperliche Techniken in den meisten Fällen gar nicht.
Das klingt einfach. Ist es nicht.
Denn vielen Frauen wurde beigebracht, freundlich zu bleiben, nicht zu stören, auszuhalten, selbst dann, wenn der eigene Körper längst „Geh jetzt“ sagt.
Höflichkeit ist eine Stärke. Sie darf nur nie wichtiger sein als deine Sicherheit und dein Bauchgefühl übergehen.
Wie Täter testen und wie du dich entziehst
Bevor eine Situation eskaliert, gibt es fast immer eine Testphase.
Sie wirkt harmlos oder nur leicht unangenehm.
- Jemand tritt einen Schritt zu nah.
- Jemand macht einen abwertenden Witz und beobachtet deine Reaktion.
- Jemand überschreitet deine Grenze und schaut, ob du es ein zweites Mal zulässt.
Diese Momente sind kein Zufall. Sie sind Tests. Wird sie nachgeben? Einfrieren? Lächeln und schweigen?
Wer hier früh und klar reagiert – mit Haltung, Stimme, Blickkontakt und einer klaren Grenze – sendet eine eindeutige Botschaft: Hier gibt es keinen einfachen Weg.
Diese Themen stehen im Zentrum unserer Selbstbehauptungskurse – und ihre Wirkung spürst du auch in deinem Arbeitsumfeld. Du musst dabei nicht aggressiv sein oder konfrontieren. Aber du lernst nicht länger hinzunehmen, dass Grenzen überschritten werden, und abzuwarten, bis es schlimmer wird.
In der Testphase ist deiner Körpersprache entscheidend: Wie stehst du? Was zeigt deine Mimik? Wo sind deine Hände? Wie klingt deine Stimme?
Aufrechte Haltung, ruhige Präsenz, klare Sprache und ein bewusst gewählter Standort im Raum machen einen Unterschied.
Subtile Gewalt: psychisch, emotional, digital
Neben Identitätsdiebstahl wirft Collien Ulmen-Fernandes ihrem Ex-Partner auch psychische und emotionale Gewalt vor – eine Kombination, die typisch ist und oft erst im Nachhinein als Gewalt erkannt wird.
Typische Muster:
Gaslighting: „Das bildest du dir ein.“
Kontrolle: Wen darfst du sehen? Was darfst du tun?
Isolation: Freunde und Familie werden schlecht geredet
Abwertung: „Du übertreibst.“ oder „Du bist zu sensibel.“
Das Tückische: Du verlierst Schritt für Schritt das Vertrauen in dich selbst.
Digitale & Cyber Gewalt kommt als die neue Tatort-Variante hinzu: Was früher kompliziert war, geht heute in Minuten. Digitale Gewalt ist eine der am schnellsten wachsenden Formen von Übergriffen.
Typische Formen:
- Stalking über Social Media
- Ortung und Überwachung über Apps oder Spyware
- Fake-Profile und Identitätsdiebstahl
- Deepfakes und KI-generierte Bilder
- Veröffentlichung intimer Inhalte ohne Zustimmung
- Cybermobbing und öffentliche Rufschädigung
Stalking: wenn es nicht mehr aufhört
Stalking bedeutet mehr als „lästig sein“. Es ist ein Muster.
Am Anfang wirkt es oft harmlos: Noch eine Nachricht. Ein „zufälliges“ Treffen. Ein Anruf zu viel.
Dann wird es intensiver:
❌Wiederholte Kontaktversuche
❌Auflauern am Wohn- oder Arbeitsort
❌Beobachten – online und offline
Es entsteht ein System aus Kontrolle, Druck und Angst. Viele Betroffene verlieren ihr Sicherheitsgefühl komplett.
💡 Seit dem 1. Januar 2026 ist Stalking in der Schweiz ausdrücklich strafbar. Der neue Straftatbestand schliesst eine wichtige Lücke und erfasst auch Cyberstalking.
Das ist nicht nur juristisch relevant. Es hilft auch emotional, wenn klar benannt wird: Das, was dir passiert, ist nicht normal. Es ist strafbar.
Mobbing am Arbeitsplatz
Auch hier gilt: Gewalt ist nicht immer laut.
- Systematisches Kleinmachen vor anderen
- Ausschluss von Informationen
- Blossstellen in Meetings oder per E-Mail
- Übergehen oder Entzug von Aufgaben
Dem Thema Mobbing am Arbeitsplatz habe ich einen eigenen Artikel gewidmet — du findest ihn hier Mobbing am Arbeitsplatz: so wehren Sie sich.
Auch Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz beginnt nicht erst bei körperlichen Übergriffen. Kommentare, Nachrichten oder anzügliche Witze können deine Würde verletzen und sind nicht hinzunehmen.
Dein Arbeitgeber ist verpflichtet, dich zu schützen und auf solche Vorfälle zu reagieren.
Warum Frauen oft schweigen
Angst. Scham. Abhängigkeit.Und oft ist der Täter eine Vertrauensperson.
Viele Frauen zweifeln zuerst an sich selbst, fürchten Konsequenzen, haben Angst, nicht ernst genommen zu werden, stehen in Loyalitätskonflikten
Täter wirken nicht immer bedrohlich. Sie können charmant, verständnisvoll, sogar „gut“ erscheinen. Genau das macht es so schwer, Warnsignale ernst zu nehmen.
Drei Fragen zur Reflexion:
- Darf ich in dieser Beziehung so sein, wie ich bin?
- Fühle ich mich nach Kontakt mit dieser Person eher kleiner oder stärker?
- Erkläre ich mir selbst immer wieder, warum das Verhalten eigentlich „nicht so schlimm“ ist?
Wenn du hier ein ungutes Gefühl hast: Nimm es ernst. Halte das nicht alleine aus. Sprich mit deiner besten Freundin, deiner Mutter, deiner Schwester jemandem, dem du vertraust– oder hol dir anonym Unterstützung bei einer Beratungsstelle.
Was du noch konkret tun kannst
Beweise sichern
Wenn etwas nicht stimmt, dokumentiere es. Sofort.
✅Screenshots von Chats, Mails, Profilen
✅Fotos – auch von Verletzungen
✅Notizen mit Datum, Uhrzeit und Kontext
Das ist kein Übertreiben. Das ist Selbstschutz, wie Fernandes es tat: sie fotografierte ihre blauen Flecken, sicherte WhatsApp-Chats, liess ihre Therapeutin von der Schweigepflicht entbinden und reichte, laut Berliner Zeitung, eine 40-seitige Anzeige ein.
Wenn dich jemand online bedroht oder belästigt, sichere zuerst Beweise, melde den Account, blockiere die Person und hol dir Unterstützung.
Digitale Sicherheit erhöhen
- Passwörter ändern
- Zwei-Faktor-Authentifizierung aktivieren
- Geräte auf Spyware prüfen lassen
- Unbekannte Zugriffe kontrollieren
- Fake-Profile melden 8 (Plattformen, Anwälte)
- Blockiere übergriffige Profile und melde Inhalte direkt auf der Plattform.
- Im Zweifel rechtliche Schritte prüfen
Du hast mehr Optionen, als du denkst
Vielleicht erkennst du dich in Teilen wieder. Vielleicht denkst du: „So schlimm ist es bei mir nicht.“
Dennoch hier beginnt das Problem. Denk daran, Gewalt beginnt dort, wo deine Grenzen wiederholt übergangen werden und du anfängst, an dir selbst zu zweifeln.
- Du hast das Recht, dich zu schützen.
- Du hast das Recht, ernst genommen zu werden.
- Du hast das Recht, Raum einzunehmen und respektiert zu werden.
Du musst da nicht alleine durch.
Wenn du präventiv lernen willst, Situationen früher zu erkennen, deine Grenzen klar zu setzen und dich mental wie körperlich zu schützen, starte mit einem Einzelcoaching bzw. einem Selbstbehauptungs– oder Selbstverteidigungskurs.
💡Gut zu wissen: Diese Kurse werden übrigens von der Stadt Zürich unterstützt. Frauen mit Wohnsitz in Zürich profitieren von einer Vergünstigung von 50 CHF.
👉Aucht wichtig: Ein Kurs ersetzt keine Therapie und keine strukturellen Schutzmassnahmen (z.B. im Job), aber er kann dein Sicherheitsgefühl, deine Klarheit und deine Handlungsfähigkeit deutlich stärken, gerade in Grenzsituationen.
Sichere dir jetzt deinen Platz!
Wenn deine Situation bereits eskaliert ist und du aktuell Gewalt erfährst: Hol dir Unterstützung. Wende dich umgehend an eine der Hilfestellen, sie sind sofort erreichbar.
- Polizei (117)
- Die europäisch harmonisierten Kurznummern 116 006 (Beratungsdienst für Opfer von Verbrechen) und 116 016 (Hotline für Opfer von Gewalt gegen Frauen) Opferhilfe-schweiz
- Ab Mai 2026: nationale Helpline unter der Nummer 142, rund um die Uhr erreichbar SRF
- Opferhilfe Schweiz: kostenlose, vertrauliche und anonyme Beratung in jedem Kanton Admin
- BIF Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft (bif-frauenberatung.ch)
- Brava NGO (brava-ngo.ch)
- Zürich schaut hin
Alle kantonalen Opferhilfestellen bieten kostenlose, anonyme Beratung an – ohne Voranmeldung.
